Führung in Zeiten des Wandels
10.06.2026

Führung in Zeiten des WandelsDrei Fragen an Angelika Preetz

Chemikerin Dr. Angelika Preetz, Mitglied der Hamburger Standortleitung bei der Schill+Seilacher „Struktol“ GmbH, einem Traditionsunternehmen für industrielle Prozessadditive. Die Betriebsleiterin ist Chefin von 80 Männern – und einer Auszubildenden, wie sie lachend hinzufügt. Das Denken in Kategorien von Frauen- und Männerberufen hat sie längst hinter sich gelassen, der neutrale Berufstitel „Operation Manager“ ist ihr am liebsten und ihre Führungsrolle versteht sie als „Enabler“: Mit Wertschätzung und Austausch zu mehr Eigenverantwortung und Unternehmenserfolg beitragen.

NAT: Wie hat alles angefangen? 

Preetz: Mit einem abschreckenden Beispiel: Wie man es als Chef besser nicht macht, das habe ich schon als Postdoc in Austin, Texas gelernt. Die Erfahrung hat auch dazu geführt, dass ich eine Hochschulkarriere für mich ausgeschlossen habe und so bin ich in die Industrie eingestiegen, zunächst im Forschungsbereich. Da war ich auch schon Teamleiterin, aber der Werkleiter hat mir mehr zugetraut und mir eine freie Stelle angeboten – statt drei Leute im Labor sollte ich nun dreißig in der Produktion führen. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, hat mir den Weg vorgezeichnet. Danach habe ich lediglich aus Liebe zur Ostsee das Bundesland gewechselt, jedoch nicht die Rolle: Führung liegt mir.

NAT: Was treibt Sie an? 

Preetz: Zum einen das Thema Nachhaltigkeit im umfassenden Sinne, Umwelt ist ja nur eine von den drei Säulen, Soziales und eine langfristig denkende Unternehmensleitung gehören ebenso dazu, also auch das Thema Arbeitsschutz – und das ist mir ganz wichtig. Arbeitssicherheit bedeutet mehr als nackte Zahlen und Rahmenbedingungen, nämlich Kulturwandel. Ich bin mir selber der Risiken bewusst, erkenne diese, achte auf mich wie auf andere – als intrinsische Motivation und nicht von oben diktiert.

Zum anderen will ich den Standort insgesamt voranbringen, Prozesse modernisieren, attraktiver werden. Wir haben bisher wenig automatisiert und digitalisiert, das macht es schwierig, Mitarbeiter zu bekommen und zu halten: Die meisten wollen einfach nur in der Leitwarte schön am Computer sitzen. Feststoffe in den Reaktor zu schütten, ist dagegen anstrengend – die Ausbildung zum Chemikanten wird immer unattraktiver.

NAT: Stichwort Nachwuchs, was treibt Sie bei dem Thema um? 

Preetz: Ich glaube, dass man in dem Alter noch gar nicht begreifen kann, wie viele verschiedene Möglichkeiten es gibt. Mit BWL kann man bei uns im Personalbereich oder in der Nachhaltigkeit arbeiten, mit Verfahrenstechnik an der Modernisierung der Anlagen mitwirken und mit Chemie auch im Business Development, Umweltmanagement oder in der Betriebsleitung tätig werden. Dabei muss es kein Studium sein, es geht auch über eine Ausbildung: Wir brauchen Zollfachkräfte, weil wir ja ins Ausland liefern, Logistiker, Groß- und Außenhandelskaufleute – das Feld ist so bunt. In einem Satz: Ich wünsche mir, dass kein Mädchen mehr denkt, „igitt, Chemie“ und damit „aus die Maus“, sondern ansatzweise versteht, welche Möglichkeiten die Naturwissenschaften und die Industrie darüber hinaus bieten. Daher freue ich mich über das Projekt mint:pink, weil es den Erfahrungshorizont der Mädchen erweitert.

Aktuelles