Wir müssen Materialien neu denken
27.03.2026

Wir müssen Materialien neu denkenInterview mit Sustainability Manager Andreas Genest über nachhaltige Alternativen zu Kunststoff

Der Sustainability Manager Andreas Genest arbeitet beim Hamburger Startup traceless materials, das eine Alternative zu herkömmlichem Plastik entwickelt hat. Das Material basiert auf pflanzlichen Reststoffen, ist natürlich kompostierbar und soll langfristig Kunststoff dort ersetzen, wo Recycling an seine Grenzen stößt. Im Gespräch erläutert er, weshalb Plastik ein globales Problem darstellt und wie das Material von traceless genau funktioniert.

NAT: Herr Genest, viele Menschen achten inzwischen auf nachhaltige Verpackungen. Spüren Sie diesen Wandel tatsächlich im Alltag?

Andreas Genest: Ja, definitiv. Studien zeigen, dass sich etwa 40% der europäischen Konsumentinnen und Konsumenten schon einmal bewusst für ein anderes Produkt entschieden, haben allein wegen der Kunststoffverpackung. Das zeigt, dass Verpackung längst ein Kaufkriterium geworden ist und Nachhaltigkeit nicht mehr nur ein Nischenthema ist.

NAT: Warum ist Plastik überhaupt ein so großes Problem? Schließlich wird ja viel über Recycling gesprochen.

Andreas Genest: Das Problem ist die Menge. Weltweit haben sich bereits mehrere Milliarden Tonnen Kunststoff angesammelt. Nur weniger als zehn Prozent werden tatsächlich recycelt. Ein großer Teil landet auf Deponien oder direkt in der Umwelt. Die meisten Kunststoffe bauen sich nicht biologisch ab, sondern fragmentieren zu immer kleineren Partikeln, bis Mikroplastik entsteht. Wir finden Mikroplastik heute praktisch überall; in Lebensmitteln, im Wasser und sogar im menschlichen Körper. Durchschnittlich nimmt ein Mensch pro Woche etwa fünf Gramm auf, ungefähr das Gewicht einer Kreditkarte. Welche langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen das hat, wird noch erforscht, aber viele enthaltene Stoffe gelten als potenziell toxisch.

NAT: Ihr Unternehmen orientiert sich stark an natürlichen Kreisläufen. Was bedeutet das genau?

Andreas Genest: In der Natur existiert eigentlich kein Müll. Materialien erfüllen eine Funktion und werden anschließend wieder Teil biologischer Kreisläufe. Unsere Vision ist es, Materialien zu entwickeln, die genauso funktionieren: nützlich während der Nutzung und danach rückstandslos abbaubar.

NAT: Wie entsteht denn das Material von Traceless konkret?

Andreas Genest: Wir nutzen Reststoffe aus der Getreideverarbeitung, also Materialien, die für Lebensmittel nicht mehr geeignet sind. Daraus extrahieren wir natürliche Polymere und erzeugen ein thermoplastisches Material. Dieses kann mit bestehenden industriellen Verfahren weiterverarbeitet werden, etwa im Spritzguss oder als Beschichtung für Verpackungen. Unser Material ist weder fossilbasiert noch synthetisch polymerisiert. Es besteht aus Naturpolymeren und ist unter natürlichen Bedingungen spurlos (traceless) abbaubar- daher der Name.

NAT: Welche Vorteile ergeben sich daraus für Umwelt und Klima? Und wo sollen diese Materialien künftig eingesetzt werden?

Andreas Genest: Unser Material hat eine deutlich besser Ökobilanz gegenüber herkömmlichen Kunststoffen. Das zeigt sich in dem geringeren Einsatz von fossilen Energieträgern und der Verursachung von Treibhausemissionen bei der Herstellung. Da stehen wir um bis zu 90% besser da. Außerdem kann durch unser Material pro Jahr und Tonne bis zu 20.000 Liter Wasser eingespart werden, das entspricht 1,5-mal dem Inhalt der Binnenalster. Und wie bereits erwähnt konkurrieren wir nicht mit der Lebensmittelproduktion, da wir ausschließlich Reststoffe verwenden. Ein Einsatz ist vor allem dort denkbar, wo Recycling schwierig ist oder Produkte häufig in der Umwelt landen, etwa dünne Verpackungsfolien oder Einwegartikel. Bei gut funktionierenden Recyclingkreisläufen, wie PET-Flaschen, kann Kunststoff weiterhin sinnvoll sein. Ziel ist nicht ein vollständiger Ersatz, sondern die gezielte Substitution besonders problematischer Anwendungen.

NAT: Ihr Unternehmen steht kurz vor dem Markteintritt. Was passiert aktuell bei Traceless?

Andreas Genest: Wir haben bereits eine Pilotanlage aufgebaut und arbeiten derzeit an unserer ersten Demonstrationsanlage in Hamburg, die den Übergang zur industriellen Produktion ermöglicht. Der Markteintritt ist für dieses Jahr geplant, parallel denken wir bereits an eine größer skalierte Industrieanlage, die für 2028 geplant ist.

NAT: Zum Schluss noch persönlich gefragt: Wie sind Sie selbst in den Nachhaltigkeitsbereich gekommen und was würden Sie jungen Menschen mitgeben, die sich für diesen Bereich beruflich interessieren?

Andreas Genest: Ich habe Energie- und Umweltingenieurwesen studiert und wollte schon früh an Lösungen arbeiten, die Umweltprobleme systemisch angehen. Ich bin sehr naturverbunden und verbringe viel Zeit draußen, das prägt natürlich auch die Motivation, beruflich an nachhaltigen Materialien zu arbeiten.

Generell kann ich nur empfehlen: Neugierig bleiben und keine Angst vor Umwegen haben. Ich hoffe auch, dass wir als Gesellschaft einen Weg finden, wieder mehr im Einklang mit der Umwelt zu leben und es braucht kluge Köpfe, die sich für den Bereich Nachhaltigkeit einsetzen. Hier sind viele Bereiche gefragt, also Technik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunikation. Gerade interdisziplinäres Denken wird immer wichtiger und ermöglicht spannende berufliche Perspektiven.

Ein virtueller Vortrag zur Arbeit von traceless materials findet sich auf unserem Youtube Kanal: Alltagskunststoff neu gedacht

Aktuelles