Antrieb für morgen
05.11.2021

Antrieb für morgen

Ein halbes Jahr genügt. Mehr braucht es nicht für den Wandel: Da können 200 Schülerinnen Forschungsgebiete kennenlernen, die sie vorher nicht auf dem Radar hatten, eine Matrix programmieren oder nachhaltige Kosmetik aus Holzabfällen produzieren. Da kann eine Technikchefin den Konzern wechseln und sich dennoch treu bleiben. Als das Mädchen-Mutmachprogramm „mint:pink 2021“ vor gut sechs Monaten digital startete, hatte es ein prominentes Vorbild an seiner Seite: Grazia Vittadini, damals noch Chief Technology Officer (CTO) bei Airbus, berichtete den Schülerinnen von ihrem Traum, das Fliegen nachhaltiger zu machen. Ein halbes Jahr später ist sie bei Rolls-Royce in derselben Funktion angekommen. Nicht um „Luxusautos“, sondern um Triebwerke für CO2-neutrale Kraftstoffe zu bauen, wie sie im Abschlussgespräch mit den Mädchen betont. Die hatten weitere Fragen an die Technologie-Chefin. Anbei eine Auswahl:

Welche Rolle spielen Mathe und Physik genau in Ihrem Beruf?

Vittadini: Physik ist für das Ingenieurwesen enorm wichtig und Mathe gibt mir das Grundgerüst, die Dinge logisch und mit System anzugehen. Für mich sind diese Fächer keinesfalls theoretisch. Es war mir immer wichtig, dass ich etwas tue, was praktische Auswirkungen hat. Bei Airbus oder jetzt bei Rolls Royce wird man mit technischen Möglichkeiten konfrontiert, von denen ich im Studium nie gehört hatte: Konstruktion und Ermüdungsberechnung beispielsweise, ganz neue Materialien oder den Flügel der A 380, den ich mit entworfen habe. Ohne ein festes Gerüst an Mathe- und Physikkenntnissen hätte ich das nicht gekonnt, aber erst recht nicht, ohne die Bereitschaft, immer weiter dazuzulernen. Sie gilt bis heute und gerade auch für meine neue Position. Bei Triebwerken lerne ich gerade viel dazu, aber die Kenntnisse sind im Team vorhanden und ich bin dafür da, die Menschen zu unterstützen, um gemeinsam das große Ziel zu erreichen: Technische Lösungen für die Luftfahrt, die nachhaltig und noch sicherer werden soll.   

So viele Herausforderungen und noch mehr Optionen: Wie finde ich den Bereich, der zu mir passt?

Vittadini: Es ist absolut in Ordnung, sich von den vielen Möglichkeiten überwältigen zu lassen und seine Pläne ständig anzupassen. Der Mensch ist ja auch nicht eindimensional! Wir haben unterschiedliche Facetten, die jeden von uns einzigartig machen und wer offen und neugierig bleibt, findet seinen Weg. Dabei hilft es aber, sich und die eigenen Werte zu kennen: Was treibt mich an? Ist es Anerkennung, Geld oder will ich die Welt besser machen? Ich beispielsweise brenne für Technologien und die Luftfahrt. Ich möchte etwas für die Nachhaltigkeit, aber auch die Gleichberechtigung von Männern und Frauen bewegen. Und ich habe mich erneut für einen großen Konzern entschieden, weil die Hebel da länger sind und der Impact größer. Findet euren Polarstern und ihr habt die Richtung, die ihr einschlagen müsst.  

Gab es auch schon Momente, wo Sie alles hinschmeißen wollten?

Vittadini: Täglich! Wenn man sich weiter entwickeln möchte, muss man die eigene Komfortzone verlassen. Bei jeder Positionsveränderung habe ich mich gefragt, schaffe ich das oder bin ich jetzt zu weit gegangen. Ich muss so viel lernen, gerade bei neuen Technologien, die sich ja ständig und schnell weiterentwickeln. Aber es geht eben nicht nur um reines Faktenwissen, es geht auch um das Wie, den Umgang mit Menschen. Ich gehe zu den Experten, ich frage nach und höre zu. Das schafft gegenseitige Anerkennung: Ich mache deutlich, dass andere Menschen sich besser auskennen und die Experten verstehen, dass ich nicht mit einem großen Ego unterwegs, sondern neugierig und lernbereit bin. Das ist, was Menschen tatsächlich weiterbringt. Aber zweifeln – täglich, immer…

Haben Sie Familie und wie kann man beides vereinbaren?

Vittadini: Es ist schon interessant, dass einem Mann diese Frage gar nicht erst gestellt werden würde. Aber ich höre diese Frage tatsächlich häufig. Und oft schwingt eine gewisse Kritik mit: Sie hat es geschafft, aber sie hat keine Kinder, bedeutet, Mutter sein und Erfolg im Beruf wären doch nicht vereinbar. Dabei habe ich ja eine Mutter und das hat mir geholfen, viele Kolleginnen in ihren täglichen Herausforderungen zu verstehen. Mehrfach habe ich Teilzeit-Mütter auf Leadership-Positionen gesetzt, was Kopfschütteln ausgelöst hat, aber die Kolleginnen waren viel effizienter und effektiver unterwegs als ihre männlichen Kollegen. Was bedeutet das? Die Spielregeln in großen Unternehmen schreiben immer noch Männer. Oft sehen sie noch vor, dass man tatsächlich ziemlich früh im Büro anfängt und bis spät bleibt. Aber man braucht nicht zwölf Stunden im Büro zu sitzen, in unendlichen Meetings, wo nichts entschieden wird. Das heißt, die Regeln müssen umgeschrieben werden. Ich schaffe das aber nicht allein. Ihr müsst hinterherkommen, ich zähle auf euch! Damit künftig weder Männern noch Frauen diese Frage noch gestellt werden muss.

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