Eine gute Ladung Expertise - Interview mit Dr. Vrauke Zeibig Leiterin der Trimet Anodenfabrik
17.11.2022

Eine gute Ladung Expertise - Interview mit Dr. Vrauke Zeibig Leiterin der Trimet Anodenfabrik

Stark in Sprachen, geschickt mit den Händen und „unglaublich viel Spaß an Mathe“ – was macht diese Kombination aus einer Abiturientin? Vrauke Zeibig hat nach ihrem Studium der Werkstoffwissenschaft mit der Vertiefung Metallurgie und ihrer Promotion an der TU Bergakademie Freiberg in Sachsen eine rasante Karriere als Prozessingenieurin eingeschlagen. Heute leitet die 32-Jährige die Anodenfabrik von Trimet Aluminium am Standort Hamburg – als jüngste Führungskraft in ihrer Abteilung. Das schließt Projekte wie die Einführung Künstlicher Intelligenz bei der Qualitätskontrolle ein. Mit anderen Worten: Zeibig ist ganz schön auf Zack. Warum es die Mutter eines kleinen Sohnes dennoch nervös macht, wenn ein Dutzend Zehntklässlerinnen ihre Fabrik besichtigen – auch das erfuhr NAT am mint:pink Projekttag.

NAT: Was wollten Sie mit 15 Jahren werden?   

Vrauke Zeibig: Pilotin, aber das ging leider nicht wegen meiner schlechten Augen. Für mich war lange nicht klar, ob ich studiere. Ich hatte überlegt, eine Ausbildung zur Goldschmiedin oder Industriemechanikerin zu machen und bin viel zu MINT-Veranstaltungen gegangen. Mit 18 war ich Praktikantin im Qualitätsmanagement einer Feingießerei und durfte alle Analyseverfahren selbst machen, von zerstörenden Werkstoffprüfungen bis zur Legierungsbildung. Da ist bei mir die Faszination für flüssiges Metall entstanden. Letztlich war die Ingenieurin aber auch eine Vernunftentscheidung: Es ist ein krisensicherer Job, gut bezahlt und man kann sich dabei stets neu erfinden. Das gilt bis heute: Ich würde mir auch eine Lebensmittelfabrik zutrauen, alles, wo es Prozesse, Maschinenanlagen, Produktion gibt – man ist extrem vielseitig als Ingenieurin.   

NAT: Aber Ingenieurin ist ein weites Feld: Wie haben Sie Ihre Fachrichtung gefunden?    

Zeibig: Ich habe mir zuerst die Uni ausgesucht, weil mir das Umfeld ganz wichtig war. Die TU Freiberg ist eine kleine Universität und die persönliche Betreuung war für mich so eine Art Backup: Ich konnte ja nicht wissen, ob mir das Studium gelingt. Außerdem wollte ich unbedingt ein Diplom machen und damit fünf Jahre Zeit haben, an einer Sache zu arbeiten und nicht ins Bachelor-Mastersystem. In Freiberg gab es vier Diplomingenieurstudiengänge, davon waren drei uninteressant, wie ich fand. So bin ich auf der Werkstoffebene gelandet – es ist Zufall! Nach zwei Jahren Grundstudium habe ich dann die Vertiefung Nichteisenmetallurgie gewählt: Da stehen mir alle Branchen offen. Bei Werkstoffwissenschaft wäre es der Weg in die Forschung, bei Werkstofftechnik das Prüflabor gewesen. Ich wollte aber ja in die Produktion. 

NAT: Produktion ist schmutzig, laut und körperlich anstrengend, sagen viele Frauen…     

Zeibig: … Man macht auch Gartenarbeit und hat dann schwarze Finger. Produktion ist vor allem spannend, kreativ, man kann unglaublich viel bewirken. Angefangen habe ich als Prozessingenieurin und konnte mich komplett frei entfalten. Natürlich mussten gewisse Daten nachgehalten und verknüpft, Kundenanforderungen eingehalten werden, aber das hat nicht mal 50 Prozent meines Tages ausgemacht. Ob ich anschließend einen Drehzahlversuch gemacht habe, um die Anlage zu optimieren oder Kontrollmessungen im Brennofen, das war meine Entscheidung. Das gibt viel Verantwortung und macht unglaublich Spaß. Man geht dann durch die Anlage und schaut auf das, was man schon optimiert hat, in Betrieb genommen und wo man der Firma jährliche Einsparungen von 50.000 Euro ermöglicht hat. Das schafft Identifikation. 

NAT: Wollten Sie von Anfang an Führungskraft im Aluminiumwerk werden?      

Zeibig: Ich wollte gern mit Menschen zusammenarbeiten. Dafür kann man Sozialpädagogik studieren oder Erziehungswissenschaft, man kann aber auch in die Produktion gehen. Inzwischen habe ich 100 Mitarbeiter, sechs Leute in der direkten Führung und unendlich viele Schnittstellen. Aber das stand nicht von Anfang an fest und nach den ersten anderthalb Jahren hätte ich unterschrieben, dass ich die Prozessingenieurin bis zur Rente mache – so viel Spaß hat mir das gemacht. Aber ich bin dann mitgerissen worden: Es ist schon spannend, dass man in Deutschland Aluminium gewinnbringend herstellen kann – in einem so energieintensiven Prozess; dazu braucht es eine gute Ladung an Expertise. Dafür muss man allerdings hart am Wind segeln und ich wollte da unbedingt mit am Strang ziehen. Zunächst habe ich die Abteilungsleitung vertretungsweise übernommen – und dann Blut geleckt.

NAT: Müssen Sie da mehr Leistung zeigen als die Männer? 

Zeibig: Mein Vater ist sich nach wir vor sicher, dass ich mindestens 120 Prozent geben muss, um in der Position zu sein, wo ich jetzt bin. Ich glaube auch, dass bei einer Frau genau hingeguckt wird, man muss schon etwas draufhaben, aber ich würde nicht sagen, dass ich mehr als die Männer leisten muss. Im Studium hatte ich vier Kommilitoninnen – von 120 Mitstudierenden. Aber das hat mich weder interessiert noch gestört, weil ich nicht anders benotet wurde als die Männer. 

NAT: Was hat Ihr Studium mit Ihrem Arbeitsalltag zu tun?        

Zeibig: Was die Inhalte betrifft, ist das sehr wenig. Aber ich habe im Studium gelernt, fleißig zu sein, strukturiert zu arbeiten, Deadlines einzuhalten. Sich Inhalte selbst zu erarbeiten: Es gibt nichts, das zu schwierig ist, um es sich nicht selbst beizubringen. Und ich habe Sozialkompetenz gelernt – man musste sich gegenseitig unterstützen und um Hilfe fragen. Anfangs habe ich fast täglich überlegt: Schaffst du das Studium oder schmeißt du es hin? Die ersten Prüfungen habe ich mit weit schlechteren Noten bestanden, als ich das von der Schule gewohnt war. Aber immerhin habe ich sie alle bestanden – das hat mich dann beruhigt. 

NAT: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?          

Zeibig: Zuerst habe ich eine Frühbesprechung mit meinen vier Bereichsverantwortlichen: Aus der Grünfertigung, wo die Rohstoffe verarbeitet werden, dem Anodenbrennofen, der Anschlägerei, wo der elektrische Kontakt hergestellt wird, und der Logistik. Dabei schauen wir gemeinsam auf den Vortag, besondere Ereignisse und die Kapazitäten, vergleichen die geplante und tatsächliche Produktion miteinander. Ich verantworte Investitionsprojekte in mehrfacher Millionenhöhe, das setzt viele Meetings mit Projektingenieuren und Abteilungsleitern der Instandhaltung voraus. Dann führe ich viele Mitarbeitergespräche und ich mache eine komplette Produktionsplanung: Die richtigen Rohstoffe müssen zur richtigen Zeit verarbeitet werden, um die Hamburger Elektrolyse zu hundert Prozent mit Anoden zu versorgen und die in Essen zu einem Drittel. Da kommt dann noch die Lieferung per LKW hinzu... 

NAT: Das ist viel. Warum nehmen Sie sich zusätzlich Zeit für den Nachwuchs? 

Zeibig: Interessierten Nachwuchs zu gewinnen, ist für uns extrem wichtig. Daher hat mich der Tag heute auch ganz schön beschäftigt: In der Früh habe ich noch vor 30 Mitarbeitern eine Ansprache gehalten, weil wir die Produktion umgestellt haben – das ist Alltag, da bin ich etabliert, das mache ich schon mit einer gewissen Routine. Aber der Besuch der Mädchen anschließend hat mich total nervös gemacht, weil ich das nicht einschätzen kann. Ich hatte auch schon MINT-Veranstaltungen, wo das Publikum nicht an der Schwerindustrie interessiert war und die Mädchen eher Künstlerin werden wollten. Daher begrüßen wir die gute Vorauswahl durch das Programm mint:pink – und stecken dann auch gern viel Energie in den Tag!

NAT: Das ist bei den Mädchen exakt so angekommen. Wir bedanken uns für den Tag, die intensiven Eindrücke und das Gespräch! 

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