Perspektivwechsel
07.05.2026

Perspektivwechselmint:pink taucht virtuell ein in zeitgenössische Kunst 

Abstrakte Kunst im Biedermeier-Museum – größer könnte der Gegensatz zwischen Ausstellungsraum und Kunstwerk kaum sein. Allie bleibt nicht lange zwischen dunklen Tapeten und Goldrahmen stehen, betritt Kandinskys Werk „Merry Structure“, jongliert mit Bällen und Dreiecken, bringt Gitarrendrähte zum Schwingen. „Man bewegt sich durch eine abstrakte Welt, hat zwei virtuelle Hände und wenn man etwas greift, vibriert das Gerät, das ist realitätsnah. Nur die eigenen Füße sieht man nicht, das ist ganz lustig“, erzählt die 15-Jährige, nachdem sie die Exit-Taste gedrückt und die massive VR-Brille an ihre Freundin Kim weitergereicht hat. Flugs ist das Museum keine dreidimensionale Virtual Reality Umgebung mehr. Dafür kann Allie auf einem Bildschirm verfolgen, wie Kim nun ihrerseits Trommelstöcke schwingt. Welche Töne dabei entstehen, bleibt für Außenstehende allerdings unhörbar. 

Was genau kommt dir zu Ohren?  

Schließlich zeigt die Pop-Up Galerie „Moving Sound Pictures“ am Grindel insgesamt vier Installationen mit begehbaren Kunstwerken auf kleinem Raum. „Auch noch die Musik zu übertragen, das wäre zu laut“, sagt Konstantina Orlandatou. Die promovierte Musikwissenschaftlerin und Komponistin verantwortet die Künstlerische Leitung und VR-Entwicklung im Projekt und führt bei dieser mint:pink Exkursion mit dem Gymnasium Osterbek in ihre Arbeit ein. „Ich spreche mittlerweile von Handwerk, auch wenn das digital ist“, so die Künstlerin. So könnte den Neuntklässlerinnen beim virtuellen Ritt durch die Kunst etwa der Klang einer Glasschale aus Orlandatous Privathaushalt zu Ohren gekommen sein. Notwendige Tools und Techniken wie die C++-Programmierung habe sich die Komponistin selbst beigebracht, betont sie. „Ich benutze keine KI, ich möchte nicht faul werden.“

Hast du es in den Händen? 

Vom griechischen Akkordeon-Diplom über das Studium „Multimediale Komposition“ an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg bis zur Leiterin des XR Labs im interdisziplinären ligeti zentrum – Konstantina ist ein tolles Role Model, finden nicht nur die Mädchen. „Technik ist ein Werkzeug und man kann es sich auch später noch zielführend aneignen“, resümiert Benno Grützmacher. Der Physiker hat nach seinem Studium selbst interdisziplinär in der Softwareentwicklung gearbeitet, bevor er in den Schuldienst eingestiegen ist. Er ist angetan von dem Ansatz, eine technische Fragestellung im ersten Schritt kreativ mit Papier und Klebestift zu beantworten. „Wie würdet ihr eine VR-Welt zu Picassos Werk ‚Mandoline und Gitarre‘ bauen?“, lautete beispielsweise eine der Gruppenaufgaben am Vormittag. Leni und Ria haben sie mit einem aufklappbaren Fenster und ausgeschnittenen Instrumenten beantwortet. 

Bist du im Bilde? 

„Man kann die Gitarren in die Hand nehmen, genau wie es die Künstlerin umgesetzt hat“, so Ria. Lea will sich zukünftig mit VR-Technik beschäftigen. „Vorher hat mich das nicht so interessiert“, sagt sie. Auch Kim und Allie haben viel von ihrem dreidimensionalen Kandinsky Gemälde aus Papier in der VR-Welt wiedergefunden: „Auf einmal hatte ich das Trampolin aus unserem Bild in der Hand und konnte es werfen, das war witzig“, sagt Kim. „Beeindruckend, wie Konstantina das alles hinbekommen hat“, ergänzt Allie. Das bringe Kunst näher und die modernen Techniken sorgten für ein intensives Erlebnis, an das man sich auch später noch erinnere, so die Neuntklässlerinnen. Ein neuer Blick auf Kunst, Technik und auch Mathe, macht Kim deutlich: „Ich mag Mathe eigentlich nicht, aber jetzt erlebe ich das Fach aus einer anderen Perspektive und denke: Mathe kann auch cool sein.“

Im ligeti zentrum verbinden vier Hamburger Hochschulen ihre individuellen Schwerpunkte in gemeinsamen Projekten: die Hochschule für Musik und Theater Hamburg, die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, die Technische Universität Hamburg und das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Ziel ist es, nicht nur einen Dialog zwischen den Disziplinen herzustellen, sondern diesen auch für die breite Gesellschaft zu öffnen. Bis Ende 2027 wird das Verbundprojekt im Rahmen der Bund-Länder-Initiative „Innovative Hochschule“ gefördert. Weitere Informationen: ligeti-zentrum.de und über Moving Sound Pictures: ligeti-zentrum.de/movingsoundpictures

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