Elektronik anders denken
26.06.2024

Elektronik anders denkenProfessorin Franziska Lissel sucht den Kontakt zu Schulen

Die gute Nachricht: Dem Patienten mit dem Chip im Hirn geht es gut. Die schlechte: Weiche, fadenartige  Komponententeile seines Implantats haben sich vom Hirngewebe abgelöst. Die Folge: Das Neuralink Forscherteam, ein Start-up von Elon Musk, musste die Energiezufuhr erhöhen, um die Daten weiter auslesen zu können. Ein typischer Fall von „Mismatch auf der Grenzfläche“ – und damit für Professorin Franziska Lissel: „Die Materialien sind nicht weich genug, um mit dem Gehirngewebe in Bewegung zu interagieren“, erklärt die Chemikerin. Ein mechanisches Problem und doch vergleichbar mit dem energetischen, auf das sie in ihrer Promotion stieß. Vereinfacht erklärt, ging es um einen Golddraht, der bis auf die atomare Ebene auseinander gezogen und mit einem Kohlenstoffmolekül als stabile Brücke wieder verbunden wurde.

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„Wie kann ich die Grenzfläche zwischen zwei Systemen angleichen“, lautet seither eine Fragestellung, die Franziska Lissel umtreibt – und selbst zur Grenzgängerin gemacht hat. Angefangen hat alles mit einer Leidenschaft für Meeresbiologie: „Ich wollte die Arktis retten“, sagt sie. Die Begeisterung für Chemie und damit der Studienfachwechsel entstand durch „einen sehr inspirierenden Professor“, die Annäherung an die Physik in der Praxis der Materialforschung. „Energie, optische Eigenschaften, Farben – es geht immer um molekulare Strukturen und elektronische Eigenschaften“, so die Professorin. Sie leitet das Institut für Angewandte Polymerphysik, kurz IAPP, das die Ingeborg-Gross-Stiftung an der TUHH fördert. Es handele sich um eine industrienahe Stiftung mit der Schill + Seilacher-Gruppe im Hintergrund, betont die Professorin. Anwendungsnahe Grundlagenforschung ist ihr wichtig.

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Schließlich greife (Mikro)-Elektronik zunehmend in unser Leben und industrielle Prozesse ein: „Wir wollen das Internet of Things“, so Franziska Lissel, „da brauchen wir überall kleine Patches, die miteinander agieren können.“ Sensorik auf der Verpackung müsse aber nicht nur dehnbar, sondern auch unschädlich abbaubar sein, weil sie früher oder später auf dem Müll lande: Weiche und nachhaltige Elektronik ist neben den Grenzflächen eines von insgesamt vier Forschungsbereichen in der Gruppe der Juniorprofessorin. „Wir sind Material Maker“ sagt sie. Heißt: Es bleibt nicht bei der Theorie am Whiteboard, sie wird im Labor umgesetzt. Ein Beispiel sind die „Nano-Cars“, einzelne Moleküle, die von elektrischen Feldern angetrieben werden und einem Parkour folgen „Die Physiker benötigen ein Molekül, das sich in eine Richtung dreht – und ich überlege mir, was ich dafür vom Anker bis zur molekularen Struktur brauche.“

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Das sagt Franziska Lissel am Fachbereich Chemie im Austausch mit Lehrkräften. Wieder so ein Grenzgang: Noch befinden sich die Labore der angewandten Polymerphysik an der Uni Hamburg und die Lehrkräfte sind im Rahmen einer NAT-Exkursion zu Besuch – gefördert von der Ingeborg-Gross-Stiftung. Chemielehrerin Antje Schmedemann ist dankbar, mal wieder in die Forschung reinschnuppern zu dürfen und hat auch gleich eine Idee für die Umsetzung: „Einen Tag lang einen Forscher begleiten und das anschließend im Seminar gegenseitig vorstellen – das hat unglaublich Spaß gemacht“, sagt sie. Niklas und Lucian stimmen zu. Die Siebtklässler sind zwar noch weit von der Oberstufe entfernt, aber als Nachwuchsforscher mit von der Partie. Niklas ist mit seiner abbaubaren Platine bei „Jugend forscht“ eine Runde weiter gekommen. „Das fällt in den Bereich der transienten Elektronik“, lobt Professorin Lissel und tauscht sich mit Niklas aus – für die vernetzte nachhaltige Technik von morgen.

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